Siemens formt One Tech Company und verspricht Effizienz ohne Stellenabbau
Siemens startet tiefgreifende Neuordnung, Ziel ist mehr Effizienz bei erhalt von Arbeitsplätzen
München – Siemens will in den kommenden Monaten seine Strukturen deutlich verschlanken und dabei zugleich ein klares Versprechen einhalten: kein flächendeckender Stellenabbau in Deutschland. Konzernchef Roland Busch strebt eine schnellere, schlankere Organisation an, um Doppelstrukturen zu beseitigen und Kundenkontakt sowie Software- und Automatisierungsangebote enger zu verzahnen.
Hintergrund ist eine umfassende Zusammenlegung von Sparten innerhalb der Digital Industries. Aus vier Bereichen werden künftig zwei: Eine vereinte Einheit Automation fasst die bisherigen Automatisierungsbereiche zusammen, daneben bleibt die Software-Sparte als eigenständiger Bereich mit Fokus auf digitalen Zwillingen und KI-Agenten bestehen. Nach Unternehmensangaben betrifft die Umstellung in Deutschland mindestens 20 000 der rund 87 000 Beschäftigten, weltweit stehen rund ein Viertel der 316 000 Stellen im Fokus.
Dass Siemens diesen Umbau ohne Entlassungen bewerkstelligen will, ist Ausdruck eines heiklen Balanceakts. Investoren erwarten Wachstum und steigende Margen, gleichzeitig stehen Betriebsrat und Gewerkschaften unter dem Versprechen, betriebliche Sicherheit zu wahren. Die IG Metall begleitet den Prozess, solange keine betriebsbedingten Kündigungen drohen. Dennoch zeigen Fälle wie bei der Nürnberger Tochter Evosoft die Grenzen der Zusagen: Dort verlieren bis zu 380 Beschäftigte ihre Arbeitsplätze, wenn auch offiziell unter Nutzung bestehender Vertragsregelungen zur Standortsicherung.
Die Massiveffizienzoffensive zielt auch auf die Nutzung von Künstlicher Intelligenz im Kerngeschäft. Der vorgestellte Eigen Engineering Agent soll Abläufe automatisiert programmieren und steuern. Das eröffnet Produktivitätsgewinne, bringt aber auch Risiken mit sich, denn Fehler in industriellen Konfigurationen können sicherheitsrelevante Folgen haben. Siemens investiert deshalb nach eigenen Angaben rund 400 Millionen Euro jährlich in Qualifizierung und Weiterbildung, um Beschäftigte für die neue Arbeitswelt fit zu machen.
Bis zum 1. Oktober soll die Neuordnung abgeschlossen sein. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter berichten jedoch von Verunsicherung: Unklar sei noch, was die One Tech Company konkret für einzelne Teams und Führungskräfte bedeute. Zahlreiche Führungsposten könnten entfallen oder neu definiert werden. Unternehmensführung und Betriebsräte versuchen, diesen Prozess transparent zu begleiten, zugleich steigt der Druck, die Ergebnisse für Profitabilität und Wachstum zu liefern.
Ob Siemens den von der Konzernleitung propagierten Weg schaffen kann, ohne dass am Ende doch größere Entlassungswellen folgen, bleibt die zentrale Frage der kommenden Monate. Entscheidend wird sein, wie erfolgreich das Unternehmen interne Abläufe digitalisiert, Verantwortlichkeiten zusammenführt und zugleich die Belegschaft weiterqualifiziert.
- Was sich ändert: Zusammenlegung von vier Einheiten zu zwei
- Betroffene in Deutschland: mindestens 20 000 von 87 000 Beschäftigten
- Vorangegangene Maßnahmen: 5 600 Stellenabbau weltweit in 2025
- Risiko und Chance: KI-Agenten für die Industrie bei gleichzeitigem Bedarf an Weiterbildung

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